Wachstum & Immigration – Protokoll von Ursula Weidenfeld

Einwanderung ist eine prima Sache – wenn sie gelingt. Dann sorgt sie für eine vielfältige und reiche Gesellschaft, für Wirtschaftswachstum und sie bereichert die Kultur des Einwanderungslandes. So weit waren sich der französische Historiker und Politologe Patrick Weil und die baden-württembergische Integrationsministerin Bilkay Öney einig. Nur, dass Deutschland und Frankreich eben immer noch viel zu wenig dafür tun, dass Immigration gelingt. Es gebe zwar Fortschritt. Doch der sei langsam.

Migration und Integration sind in allen hochentwickelten Ländern ein großes Thema. Während Länder wie die USA, Australien oder Kanada die Einwanderung mit klaren Kriterien steuern, tun sich Deutschland und Frankreich bis heute schwer mit ihren Migranten, die aus ganz unterschiedlichen Motiven kommen: Die Immigration in Frankreich ist bis heute stark geprägt von der kolonialen Vergangenheit. In Deutschland ist sie bis heute im wesentlichen eine Folge der Arbeitsmigration bis in die siebziger Jahre.

Gerade ein Land wie Deutschland, dem der Nachwuchs fehlt, profitiere von der Einwanderung, sagt Weil. Das müsse man sich immer wieder bewusst machen, bevor man über die Probleme redet. Und ein Land wie Frankreich dürfe sich von seinen aktuellen  Arbeitsmarktproblemen nicht so beeindrucken lassen, dass es kurzsichtig reagiere.

„Wir müssen mehr darüber reden, was gelingt“, fordert Weil, der in Frankreich seit dem Erscheinen seines wichtigsten Buchs „La France et ses étrangers“ als bedeutendster Integrationswissenschaftler und Kritiker der aktuellen Einwanderungspolitik gilt. Tatsache sei, dass viel gelingt. Bei den Europäern gibt es kaum noch Probleme, wenn sie heute von einem Land der Gemeinschaft in das andere umziehen. „Die zählen wir schon gar nicht mehr mit“, sagt die Politikerin Öney. Auch bei Gebildeten und Fachkräften haben sich beide Länder in den vergangenen Jahren sehr bewegt. „Jetzt hat kaum noch eines der beiden Länder ein Problem mit der Einsicht, dass  wir de facto Einwanderungsländer sind“, stellt Weil fest.

Öney ist sich da nicht so sicher.  Deutschland habe immer noch eine seltsame Haltung. Die äußere sich vor allem darin, dass hier im Kern immer noch das „ius sanguinis“, also die Abstammung, zähle. Hat ein Kind deutsche Eltern, bekommt es automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft, egal, wo es geboren wurde. Hat ein Kind ausländische Eltern, wird aber in Deutschland geboren, muss es sich im jungen Erwachsenenalter entscheiden, welche Staatsbürgerschaft es haben will. „Das ist doch absurd, als ob man nicht zwei Ländern gegenüber loyal und verbunden sein kann“, sagt Öney. „Es ist ein Anachronismus“, ruft Patrick Weil aus. Frankreich sei da längst liberaler, obwohl das Abstammungsprinzip als nationales Identitätsmerkmal ursprünglich aus Frankreich komme. Mit der doppelten Staatsbürgerschaft hat man da inzwischen  viel weniger Probleme, das Land entwickle sein Rechtssystem entschlossener weiter als Deutschland.

Das fällt den Deutschen schwer. „Erstaunlich eigentlich, wenn man sich die demografische Entwicklung und die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt anschaut, „ konstatiert Weil. Er findet es gar nicht verwerflich, wenn ein Land eine transparente und durchaus eigennützige Strategie bei der Einwanderung verfolgt.

Das aber will die baden-württembergische Integrationsministerin, die zuvor in Berlin lebte und dort politisch aktiv wurde, so nicht stehen lassen. „Wenn man seine Haltung zur Immigration immer nur von den Erfordernissen des Arbeitsmarktes abhängig macht, kommt man auf die Dauer aus den Problemen nicht heraus“, sagt sie. Denn erstens gäbe es viele andere Gründe für Wanderung, die man nicht vernachlässigen dürfe. Und zweitens hätten die Einwanderungswellen nach Deutschland seit den sechziger Jahren tiefe Spuren hinterlassen, die bis heute nicht geheilt seien. Zuerst waren es die Arbeitsmigranten aus Südeuropa, dann die aus der Türkei: Habe sich die erste Generation über den Arbeitsplatz noch vergleichsweise zügig integriert, so sei das den nachfolgenden Generationen schon wegen der schlechteren Entwicklung des Arbeitsmarktes immer schwerer gefallen. „Aber es ist ja nicht nur das: Im Grunde produzieren wir durch den Familiennachzug immer wieder neue erste Generationen mit zunehmend schlechteren Integrationschancen“, sagt Öney. Wenn junge Türken ihre Ehefrauen aus der Türkei nach Deutschland holten, beginne die Integrationsproblematik oft wieder von vorn. Integrationskurse seien nur die eine Seite, mahnt sie. Die andere sei Diskriminierung. Längst werde in Frankreich wie in Deutschland deutlich, dass Jugendliche aus bildungsfernen Milieus ähnliche Probleme haben, sich in das Schulsystem oder in die Arbeitswelt einzufädeln – und zwar unabhängig davon, ob sie einen Migrationshintergrund haben oder nicht. Doch Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund hätten ein zusätzliches Handicap: Sie sehen anders aus, haben andere Namen. Das allein sei bei Bewerbungen schon ein Grund, warum diese Kinder seltener zu Vorstellungsgesprächen eingeladen würden, und seltener einen Job bekämen. „Das kann man auch verstehen, Menschen orientieren sich immer an Menschen, die ihnen ähnlich sind“, erklärt sie. Dennoch sei es falsch.

Patrick Weil erinnert daran, wie sehr Deutschland über Jahrhunderte hinweg von Einwanderung geprägt worden ist, ohne dass das der Identität, der Sprache, der Kultur geschadet habe, im Gegenteil. Die Identität eines Landes entstehe vor allem durch die gemeinsame Sprache, die von allen, den Nichtmigranten und den Migranten, geteilt werden müsse. Sprache und Bildung, das seien die Schlüssel für Integration und Identifikation, sagte Frau Öney – und zwar unabhängig davon, wie lange eine Familie schon in einem Land lebe. Da sehe sie dann doch manchmal neidvoll nach Frankreich, ein Land, in dem die Kinder von drei Jahren an in die Vorschule gehen.

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